Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

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Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 1. Dez 2016, 00:29

In loser Folge erscheint hier bis Heiligabend die Geschichte des Tannenbäumchens.

Quelle: "Die Märchenlinde" von Joseph Eckerskorn

Das Tannenbäumchen

Durch den winterlichen Wald ging es auf einmal wie ein heimliches Raunen und geheimnisvolles Lispeln.
Ein wunderbares Singen und Klingen kam aus der Ferne daher, so herrlich und schön, daß es kaum zu sagen ist.
Himmlische Lichter huschen hier und unter den Bäumen und zwischen dem Gesträuch einher.

Was mochte das wohl sein? Waren es vielleicht Engelein, die so geschäftig hin und her schwebten und jedes Steinchen und jeden Stecken aus dem Wege räumten, damit das göttliche Kinde......

Doch, da habe ich schon etwas ausgeplaudert! Ja, es waren Engelein, allerliebste Blondköpfchen, die den Weg bereiteten, damit der holde himmlische Gast seine Füßchen an keinem Stein stoße.

Das liebe Christkind ging nämlich durch den Wald. Es wollte sich ein Bäumchen suchen zu seinem Geburtsfest, das nahe war.
Wer sollte sich da nicht freuen? Alle Bäume des Waldes zitterten schier vor Freude, denn jeder Baum hoffte auf die Ehre, des Christkindeleins Weihnachtsbaum zu werden.

Im Nu hatten sie sich den Winterschlaf aus den Augen gerieben und waren ganz voll Laub geworden, als sei es in der schönsten Maienzeit.
Alle stellten sich am Wege, wo das Christkindlein herkommen sollte, in Reih und Glied auf wie die Soldaten: die Buche, die Ulme, die Eichel, die Pappel, die Erle, jeder Baum und Strauch wollte den besten Platz haben, und bald hätten sie sich ernsthaft gezankt dabei.

„Jeder ist sich selbst der Nächste“, sagte da der Haselstrauch und zwängte sich noch mit in die Reihe, wobei er allerdings einige Püffe und Schrammen von den anderen erhielt, wie das so geht.
Nur das Tannenbäumchen kam nicht mehr an den Weg. Bescheiden blieb es daher hinter einem Holzstoß zurück und war zufrieden.
Es grämte sich nicht, als als die anderen Bäume verächtlich die Nase rümpften über sein schlichtes Aussehen. Wenn mich der liebe Gott nicht hübscher erschaffen hat, so wusste er warum, so dachte es in seinem Sinn und damit hatte es ganz recht.

Viel weiches, zartes Moos war da herum, das kam ganz zutraulich unter die Tanne und sagte: "Grüß Gott, liebe Tanne, bei dir ist es am schönsten. Wo du bist, da wollen auch wir verachteten Moospflänzchen sein!"

Also war es unter der Tanne so heimelig und traut geworden, so warm und wohlig, wie in einem Stübchen zur Winterzeit, wenn draußen die Flocken herumwirbeln, wenn der kalte Wind ums Häuslein geht und an den Fensterladen rüttelt und die Mutter den Kindern Märchen erzählt.
Da war das Tannenbäumchen ganz glücklich.
Am Himmel aber standen viele tausend Sternlein und leuchteten wie goldene und silberne Kerzen und schauten auf das Bäumlein hernieder.

Noch war das Christkindlein nicht da.
Unter den Bäumen waren schon ernsthafte Streitigkeiten ausgebrochen. Jeder Baum wollte den höchsten Rang beanspruchen, den glänzendsten Titel, den schönsten Wuchs und das beste Aussehen haben.
Der eine Baum bildete sich was auf sein vornehmes Herkommen, der andere auf den Reichtum seiner Früchte, der dritte auf den seinen Geruch, der er ausströmte, kurz, jeder litt an einer anderen Krankheit, und keiner wollte einsehen, daß er krank war.

Endlich hatten sich alle einigermaßen beruhigt bis auf die Pappel. Die zappelte immer noch weiter und fing den Streit wieder von neuem an.
„Ich bleibe dabei.“ sagte das pappelige und zappelige Ding, "Der erste Rang gebührt mir! Keiner von euch hat so feine und lebhafte Manieren wie ich, keiner kann so elegante Verbeugungen machen wie ich!“

„Das stimmt!“ lachte die Ulme, „Du hast ja ein Maulwerk wie ein Ziegenbock und machst einen Buckel wie ein Lakai! Du beugst und drehst dich vor jedem Wind, der durch das Ofenloch pfeift, wie eine Wetterfahne, und darauf will sich die Pappel was einbilden? Hihihi!“

„Worauf bildet sich aber die Flatter-Ulme was ein?“ entgegnete schlagfertig die Pappel, „Etwa darauf, auf ihre zotigen Früchte, wovon sich ein Eichhörnchen noch nicht einmal Tee kochen kann, wenn es Leibschmerzen hat? Nette Früchte sind das, wertlos und unansehlich!“
Da wurde die Ulme grün und rot vor Ärger und schrie: „Bitte sehr, ich bin eine Zierpflanze!“

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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 5. Dez 2016, 01:14

„Ruhe!“ rauschte da gebieterisch der Eichbaum, und alle horchten auf, was er zu sagen hatte.
„Der erste Rang gebührt mir!“ sagte der und räusperte sich wie ein hoher Beamter, "Denn ich bin von
altem Germanischem Adel!"
Dann reckte er seine knorrigen Glieder und hielt die Nase hoch.

Die anderen Bäume kicherten. Nur die Buche tat beleidigt und meinte: „Adel hin, Adel her, danach fragt nicht mehr! Schau mich an, Tante Eiche, ich bin der wichtigste Baum Europas! Buchen braucht man nie zu suchen, überall sind sie zu finden!“

„Soso!“ machte da der Eichenbaum und spuckte einige Galläpfel aus „Soso, die Buche reißt den Mund ja groß auf!“
Das kann sie auch!" rief diese gereizt. "Meine Bucheckern geben ein feines Öl, das niemals ranzig wird!"

Alle lachten über die sonst so gutmütige Buche, die Eiche aber rief dazwischen: "Dafür bist du aber um so ranziger!"
"Und du?" schrie nun die ganz aufgebrachte Buche da, "Wozu bist du denn gut? Die Schweine fressen deine Eicheln und fragen nichts nach deinem germanischen Adel!"

"Und die Kaffeeschwestern verachten Eichelkaffee!" zischelte die Pappel, die es mit der Buche hielt.
In dem Wortstreit, der dann kam, verstand man kein Sterbenswörtlein mehr.

Da rief die Erle schließlich dazwischen: "Hört mich an!" Da war alles still. Dann fuhr sie fort: "Ich schlage vor, daß wir den Streit teilen. Wenn Buche und Eiche, Ulme und Pappel nicht einig werden, so überlasst mir die Ehre, und aller Zank hat ein Ende!"

"Ei, du Mauschel!" sagte die Erle. "Bin ich nicht ein hübsches Bäumchen? Habe ich einen Buckel oder eine Warze?
Habe ich keinen netten Wuchs? Habe ich nicht kleine niedliche Kätzchen, schöner noch als die Weidenkätzchen?"

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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 10. Dez 2016, 03:04

Da gab es aber ein helles Gelächter durch den Wald, so dass die Erle ganz beleidigt tat und schwieg.
Schön war dieses Gezänk nicht, denn es war eine schlechte Vorbereitung auf Christkindleins Ankunft.

Eben wollte auch der Haselstrauch noch anfangen zu reden, aber da passierte etwas, wodurch aller Streit und Hader schwieg.

Ein armes, kleines Häslein kam plötzlich des Weges daher, das hinkte gar kläglich mit dem rechten Hinterbeinchen.
Ein böser Fuchs hatte es gebissen, und da war es mit knapper Not einem noch schlimmeren Schicksal entronnen.

Hilfesuchend schaute das Häslein umher.
Bei wem sollte es wohl Schutz finden, etwa bei der Pappel?
Gar traurig schaute es zu dieser auf, aber die Schwatzbase hatte kein Gefühl für das kranke Tierchen.
"Kämst mir gerade recht, du Waldstrolch," sagte die. "Habe jetzt andere Gedanken in der Krone. Scher dich fort!"

Dann wandte sich das Häslein zur Ulme, aber auch die wies es kalt und gefühllos ab.
Ebenso die Buche. Obwohl ihre Früchte mildes Öl geben, hatte sie doch kein linderndes Öl für das kranke Beinchen des Häsleins, wohl aber scharfe bittere Worte.
"Ich gehöre zum Verein gegen Bettelei und kann so hergelaufenes Volk nicht vor den Augen sehen. Ist denn keine Polizei im Wald?", so sagte die Buche.

Die adelsstolze Eiche schnarrte das Tierchen an wie ein Wetterhahn, so dass es lautes Herzklopfen bekam, und auch die Erle hatte kein gütiges Wort.

So hatte jeder Baum nur Gefühl für sich, aber nicht für das Häslein, und traurig stand es da am Weg. Ach, zu wem sollte es aber gehen, wenn es überall so verstossen wurde?
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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 12. Dez 2016, 02:48

Hatte denn kein Baum und kein Strauch ein gastliches Dach und ein mitleidiges Wort für das arme Häslein?

Schon wollte es weiterhumpeln, da winkte ihm der Haselstrauch und flüsterte ihm ins Ohr: "Schau, ich würde dir helfen, aber ich bin ja selbst arm und unansehnlich. Kaum habe ich etwas zu nagen für meine Nichten und Neffen, die hungrigen Haselmäuse. Aber da hinten, hinter dem Holzstoß, da wohnt die Tanne, eine herzensgute Dame, zu der musst du gehen, die hilft dir sicher!"

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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 17. Dez 2016, 02:12

"Danke!", sagte das Häslein und hinkte zur Tanne.

"Ach, du armes, armes Häslein," sagte das Tannenbäumchen mitleidig, als es das erbärmliche Tierchen sah.
"Wie bist du gar traurig hergerichtet!"

Dann nahm es das Häslein auf, bettete es warm ins weiche Moos, hegte und pflegte es und hielt die Zweige schützend darüber, damit der kalte Wind und der böse Fuchs es nicht mehr finden konnten.
So war nun das Häslein geborgen bei der mütterlichen Tanne und das tat ihm so wohl.

Horch. Das Singen und Klingen kommt jetzt näher.
Schon sieht man den wunderbaren Schein näher kommen unter den Bäumen, ein himmlischer Schein wie von Lilien und Gold.

Das ist das holde Christkindlein!
Die Engelchen umringen es und begleiten es, wohin es geht.

Die Pappel zitterte vor froher Erwartung, und alle die anderen Bäume schauten mit klopfendem Herzen nach dem himmlischen Schein.
Die Eiche, die Buche, die Ulme und die Erle, alle schauten nach dem himmlischen Schein, der indessen immer näher kam.

Nun war das Christkindchen dicht vor ihnen, schaute sie gar freundlich an und nickte ihnen zu, so dass seine Goldlocken hell aufleuchteten.
Die Engelchen waren flink wie die Ameisen, liefen überall herum, in jedem Eckchen und Winkelchen.
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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 24. Dez 2016, 11:35

Das Christkind schaute sich indessen die Bäume recht aufmerksam an, einen nach dem anderen, schaute jedem tief in die Augen, bis in's Herz hinein.
Und da sah es denn bei dem einen Baum den Hochmut, bei dem anderen den Neid, bei dem dritten die Klatschsucht, bei dem vierten die Hartherzigkeit und bei allen die Schadenfreude.

Traurig schaute es umher, ob nicht ein Bäumchen zu finden wäre, das von Herzen edel und gut sei, denn nach dem äußeren Schein und Flimmer, nach Tand und Ehre und Rang fragte das Christkind rein gar nicht.

Deshalb fragte es die Engel: "Ist kein anderes Bäuchen hier? Diese hier sind alle zu fehlerhaft und wurmstichig für ein Weihnachtsbäumchen!"
Da kam so ein kleines Engelchen fast atemlos hinter dem Holzstoß hergelaufen und sagte:
"Liebes Christkind, da hinten steht so ganz einsam und verlassen ein Tannenbäumchen hinter dem Holzstoß, willst du dir das einmal anschauen?"
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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 24. Dez 2016, 13:20

"Ich warne dich!", rief da die neidische Pappel. "Gehe nicht zu nah an den ruppigen Tannenbaum. Er ist ganz rauh, stachelig und harzig und nicht halb so edel und gebildet wie wir!"

Das Christkindchen achtete aber nicht auf den Neidhart, ließ ihn schwätzen und ging mit den Engelchen hinüber zum Tannenbäumchen.
Da wäre das bescheidene Bäumchen vor Verlegenheit bald in die Erde gesunken.

"Ei, ei!", sagte da freundlich das himmlische Kind. "Warum standest du denn nicht mit in der Reihe bei den anderen Bäumen?
"Für mich war da kein Platz mehr," erwiderte das Bäumchen, "auch ich bin zu unansehlich, da bin ich halt vor meinen Basen und Tanten zurückgetreten."
"Deine Bescheidenheit gefällt mir gar sehr," meinte da das göttliche Kind, schaute dem Tannenbäumchen ebenfalls in die Augen und sah, daß es wirklich ein gutes, goldenes Herz hatte.
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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 24. Dez 2016, 13:40

"Was birgst du denn unter deinen Zweigen so behutsam im Moos?", fragte es weiter.

"Es ist ein Häschen, das ich pflege.", antwortete das Bäumchen.
Das vorwitzige Häschen aber reckte sein Näschen aus dem Moos und sagte: "Alle die anderen Bäume haben mich herzlos fortgeschickt, als ich sie um Hilfe bat; ich wäre elend zugrunde gegangen, wenn die herzensgute Tanne mich nicht aufgenommen und gepflegt hätte!"

Da wurde das Tannenbäumchen noch verlegener und wusste vor Verwirrung kaum, wo es hinschauen sollte.
Das göttliche Kind schaute es aber gar herzgewinnend und warm an und sagte: "Nur du sollst mein Weihnachtsbäumchen sein, denn deine Barmherzigkeit gefällt mir über alles!"
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Re: Eine Geschichte zum Weihnachtsbaum

Beitragvon anika tm » 24. Dez 2016, 14:02

"Aber," wandte das Bäumchen da ein, "ich unscheinbares, ungeschicktes Bäumchen, wie kann mir denn solches Glück und solche Ehre widerfahren?" Und helle Tränen standen in seinen Augen.

Das Christkind gab aber den Engelchen einen Wink, die flogen dann hurtig zum Himmel, nahmen von den brennenden Silber- und Goldkerzen herunter und schmückten damit das Tannenbäumchen.
Da sah es in dem Lichterglanz wie ein Paradiesbäumchen aus, so schön war kein Baum im ganzen Wald.

Als das Christkind nun ins nächste Dörflein weiterging, trugen die Engelchen das Weihnachtsbäumchen vor sich her und alle die Bäume, selbst die knorrige Eiche mussten sich vor ihm verbeugen.
Wie haben sie sich da geärgert!

Ein anderes Engelchen trug in seinem Schürzchen das weiche Moos, denn das sollte überall sein, wo das Bäumchen hinkam.

Aber das Häschen, was geschah mit dem? Ein Engelchen trug es auf seinem Arm.

Wo immer seitdem nun ein Christbäumchen steht, da legen die Engelchen auch Moos darunter.
Und ist ein krankes Häslein im Haus, dann legen sie es in das Moos unter das Christbäumchen, da wird es ganz gewiss gesund.
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