Johanna Sebus

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Johanna Sebus

Beitragvon anika tm » 5. Mai 2015, 20:06

Die Stadt Cleve, ihre nächste und entferntere Umgegend, vormals und ..., Band 1

An die letzte jener für Brienen sich so verderblich erwiesenen Ueberschwemmungen, an die im Winter des Jahres 1809, knüpft sich die That, welcher der Kaiser ein Denkmal hat setzen lassen, und der Fürst der deutschen Dichter in einem Gedichte, dauernder als Marmor und Erz, besungen hat.
Es wohnte zu jener Zeit in einem kleinen, südwestlich von der Spoyschleuse gelegenen Hause eine arme alte Wittwe, Catharina Sebus, mit ihren Kindern, und wurde dieser beschränkte Raum noch mit einer Tagelöhnerfamilie, welche bei der Wittwe Sebus einwohnte, getheilt. Von sechs Kindern war die 17jährige Johanna Sebus in der Reihenfolge das fünfte. Die Mutter, welche schon fast ganz kindisch geworden, fand ihr grösstes Vergnügen darin, mit einer jungen Ziege, welche sie aufgezogen und beständig um sich hatte, zu spielen. Johanna, kaum dem Kindesalter entwachsen, vergalt nun der Mutter durch die liebevollste Pflege.
Es war am 15. Januar 1809 als die Bewohner des schon seit mehren Tagen überschwemmten Dorfes Brienen in aller Frühe durch Nothschüsse und Sturmgeläute aus dem Schlummer aufgeschreckt wurden. Im cleverham'schen Damm war ein Durchbruch entstanden und die wogende Wassermasse begann, sich mit ihren Eisschollen über das unglückliche Dorf zu stürzen. Eilends verliess auch Johanna Sebus ihr Lager und noch bevor sie einige Kleidungsstücke übergeworfen, hatte sie schon die Grösse der Gefahr erkannt. Schnell war ihr Entschluss gefasst, sie nahm ihre alte Mutter, welche, in ihrem kindischen Wesen, das nahe Verderben nicht begriff und sich von ihrer lieben Ziege nicht trennen wollte, auf den Rücken und watete mit der Bürde, an Zäunen und Hecken sich emporarbeitend, durch die sie umtosende Flut. Kaum hatte sie ihre nur nach der Ziege jammernde Mutter auf dem Damme in Sicherheit gebracht, da vernimmt sie den Hülferuf der Hausgenossin, welche bei ihren drei kleinen Kindern, die sie allein nicht zu retten vermochte , zurückgeblieben war. Nun geschah die That, welche im Gedächtniss der Nachwelt ewig fortzuleben verdient. Nicht achtend ihr eigenes Leben stürzt das 17jährige Mädchen sich in die Wogen zurück und kämpft hindurch bis zu der
Bedrängten; schon hat sie, eins der Kinder auf dem Arm und ein älteres an der Hand, den Rückweg begonnen, da wächst die Macht des Wassers und ihre Kräfte sinken. Statt des Dammes vermag sie nur noch einen nahe liegenden kleinen Sandhügel zu erreichen, wohin auch die Mutter mit dem einen Kinde und der Ziege sich flüchten. Doch nur eine kurze Frist, keine Rettung vor dem Verderben, fand das Heldenmädchen hier mit ihren Schützlingen. Bald wich der Sandhügel dem Andrange der Eisschollen und ein Wellengrab schlug seine empörten Wogen über die Fünf zusammen, aus dem Johannas That sich mit der Strahlenkrone der Unsterblichkeit hinaufschwang. Ihre und des einen Kindes Leiche wurden, als das Wasser wieder zurückgewichen war, in der Nähe von Gnadenthal aufgefunden und beide auf dem Kirchhofe zu Rindern bestattet. Ueber Johanna s Grabe wölbt sich kein Denkmal und längst ist der kleine Rasenhügel verschwunden, so spurlos, wie einst die Mausoleen der Könige verschwinden werden, deren ganzes Leben nicht selten weniger wiegt, als diese eine That.
Das Denkmal, welches der Kaiser Napoleon im Jahre 1811 auf einem künstlich erhöheten Hügel, unfern der Stelle, wo das heldcnmüthige Mädehen seinen Tod gefunden, hat aufrichten lassen, giebt der Nachwelt in einer allegorischen Darstellung und in einer, gerade durch ihre Einfachheit ansprechenden Inschrift, Kunde von diesem Ereigniss. Das aus bläulichem, 2 Fuss 5 Zoll im Durchmesser haltenden Hartstein verfertigte Denkmal erhebt sich in einer vorne und hinten gleichen Breite von 4 Fuss 2 Zoll, bis, einschliesslich den Sockel, zu einer Höhe von 8 Fuss 4 Zoll, und endigt in einer ans der ganzen Breite aufsteigenden Bundung. Nur die Vorderseite des Denkmals ist ausgefüllt; ihr oberer Theil enthält eine Marmorplatte, welche in halb erhabener Arbeit ein sturmbewegtes Wasser darstellt, auf welchem (statt einer gebrochenen Rosenknospe) eine jedenfalls zu grosse Rose treibt. Dieses Rundstück ist von einem (leider! schon sehr beschädigten) Sternenkranze, ebenfalls von weissem Marmor, umgeben.

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